Kurzgeschichte: Pfannkuchen-Autos

(c) Svein Håvard Djupvik/fotopedia

© Svein Håvard Djupvik/fotopedia

Pfannkuchen-Autos

von Man­fred Orlick

Timon ist trau­rig. Seine Oma liegt seit zwei Wochen im Kran­ken­haus, und in ein paar Tagen ist Weih­nach­ten. Weih­nach­ten ohne Oma, das wäre wirk­lich trau­rig.

Die Ärzte sagen, viel­leicht ist sie bald wie­der daheim. Es geht ihr schon viel bes­ser. Lange kann es nicht mehr dau­ern, dann wird sie ent­las­sen. „Heute fah­ren wir ins Kran­ken­haus”, sagt Mama. „Vor Weih­nach­ten gibt es zwar viel zu tun, aber Oma wird schon war­ten.”

Timon weiß nicht so recht, was er will, denn er ist mit Mar­tin und Frank auf dem Rodel­berg ver­ab­re­det. Aber Oma wird sich über den Besuch freuen. Schließ­lich fährt er mit Mutti bei dem Schnee­ge­stö­ber zum Kran­ken­haus. Vater kommt erst spät von der Arbeit.

Oma freut sich, als die Tür auf­geht und Timon und Mutti vor ihrem Bett ste­hen. Der Tag ist lang­wei­lig im Kran­ken­haus. Jetzt kann sie sich mit Timon unter­hal­ten und Neu­ig­kei­ten erfah­ren.

Wie war es in der Schule? Wie geht es Onkel Paul?” Oma will alles wis­sen. Aber auch Mutti ist neu­gie­rig: „Wie geht es dir? Wann kommst du nach Hause? Was sagen die Ärzte?”

Zwi­schen­durch schaut sie immer heim­lich auf die Uhr. Mit ihren Gedan­ken ist sie schon in der Kauf­halle.

Timon ist es heute im Kran­ken­haus lang­wei­lig. Er kennt das Zim­mer genau, die Schränke und Bil­der. Auch die ande­ren Omas im Zim­mer. Andau­ernd geht er zum Fens­ter. Der Flo­cken­wir­bel ist dich­ter gewor­den. Die Häu­ser auf der ande­ren Stra­ßen­seite kann man kaum noch erken­nen.

Jetzt steht Onkel Paul in der Tür, ein­ge­schneit wie ein Schnee­mann. Nun beginnt die Fra­ge­rei wie­der von vorn. Timon steht unru­hig am Fens­ter, drau­ßen wird es lang­sam dämm­rig. Die Schnee­flo­cken wer­den immer grö­ßer.

Seht nur”, sagt Oma, „bei dem Unwet­ter könnt ihr noch etwas blei­ben.”

Der Schnee­sturm hört erst in einer Stunde auf. Als Timon, Mutti und Onkel Paul auf den Park­platz vor dem Kran­ken­haus kom­men, sind alle Autos unter einer dicken Schnee­de­cke ver­schwun­den. Der Park­platz sieht aus wie ein rie­si­ges Kuchen­blech mit dick gezu­cker­ten Pfann­ku­chen.

Das hier muss unser Auto sein”, ist sich Mutti sicher. Onkel Paul und Timon schie­ben mit den Hän­den den Schnee von dem Auto. Nach ein paar Minu­ten sagt Timon: „Nein, wir haben kein rotes Auto.”

Dann ist es die­ses hier”, zeigt Mutti auf den nächs­ten Auto-Pfann­ku­chen und fängst selbst an zu schie­ben und zu krat­zen. „Ja, der ist blau”, froh­lockt sie. Jetzt hel­fen auch Onkel Paul und Timon mit. Bald sind sie ganz außer Puste und haben eisige Hände.

Danke”, sagt ein Mann, der dem Trei­ben schon eine Weile zusah, „das ist näm­lich mein Auto.”

Mut­ter ist ganz ver­zwei­felt. Jetzt weiß sie wirk­lich nicht, wo unser Auto ist. Es wird immer dunk­ler, im Licht der Stra­ßen­la­ter­nen sehen alle Pfann­ku­chen-Autos gleich aus. Plötz­lich kommt Vater ange­lau­fen. „Konnte ich mir doch den­ken, dass ihr bei Oma im Kran­ken­haus seid. Nur gut, dass ich gleich einen Kehr­be­sen mit­ge­bracht habe.”

Noch vier Autos müs­sen sie frei schau­feln, ehe sie schließ­lich ihr Auto gefun­den haben. „Das war doch ein auf­re­gen­der Win­ter­tag”, sagt Timon, als ihn Mutti abends müde ins Bett bringt.